Das perfekte Bild – Ein paar Anmerkungen

Hhmm.
Mitunter dauert das echt lange.
So um die 4 Jahre, wenn man die Sache ernst nimmt und gewissenhaft studiert. Nachdem an der Angewandten der Fotoklasse ihr Professor abhanden gekommen ist, wurde jetzt Maria Ziegelböck für die nächsten 5 Jahre installiert. Das verdientermaßen. Maria verweist auf ein sportliches Portfolio mit einer Handvoll internationaler Modekunden, schönen Arbeiten für französische Magazinen und guten Kontakten. Und sie trifft den Zeitgeist voll. Der von Studenten gerne antizipiert wird – ohne großes technisches Brimborium – unbemühte, kurzweilige Effekte, die im eingesetzten Aufwand mehr Spaß als Arbeit vermuten lassen.
Das kann stimmen, muss aber nicht. Verspricht aber gute Laune.
http://mariaziegelboeck.com/

Akademie der bildenden Künste

Manchmal dauerts noch länger. Will man die eigene Arbeit auch noch selbst sehr gscheit kommentieren, brauchts auch hier ein Studium.

Alleine eine beiläufige Unterhaltung im Kaffeehaus mit Andreas Spiegl wird zu einer Expedition in eine ferne Galaxie. Funktioniert manchmal auch ohne Sekundärliteratur. Sehr akademisch aber es wirkt. Man steht auf vom Tisch und geht klüger als man gekommen ist.

Akademie der bildenden Künste Wien

Mitunter geht’s auch schneller. In weniger als einer Sekunde. Man drückt einfach drauf.
Wann ist ein Bild perfekt? Ganz einfach – wenn alles passt!

Bildbau, Ausschnitt, Licht, die Stimmung, eine Atmosphäre, eine Idee.
In der Modefotografie: Mode, Haare, Make Up, Styling, das Set, auch hier eine Idee.
In der Werbung: Hier gilt alles wie oben, mit der zusätzlichen Anforderung: man ist Diener mehrerer Herren. Sein eigener, der Werbeagentur und des Kunden. Passt es nicht, gibt’s lange Gesichter.

Braucht es Technik?

Nein, nicht zwingend. Geht auch ohne. Digital hat Photographie ungemein vereinfacht – und macht alle zu Photographen. Schlampigkeiten, wie eine nachlässige Lichtsetzung lassen sich locker am Rechner korrigieren. Selbst Augenringe bei Portraits werden am iPhone ganz gut bewältigt. 

Am liebsten photographiere ich im Moment mit dem iPhone. Es wiegt nichts, ich muss keine Kamera herumschleppen, und es macht mich quasi unsichtbar. Es ist immer was ansehnliches drauf, so doof kann man sich gar nicht anstellen. Ein höchst wunderbares Ding, das einen glauben lässt, man sei der beste Photograph der Welt. Aber Achtung: ungefähr 715 Millionen andere iphone-Nutzer glauben das auch. 

Über Generationen wurde das perfekte Bild als Ergebnis interpretiert und mit Vehemenz gelehrt, den entscheidenden Moment, also dann, wenn wirklich alles stimmt, optimal getroffen zu haben. Der „moment décisif“, der von Henri Cartier-Bresson wohl am effektivsten vorgetragen wurde.

Was nun auch über Dekaden hinweg Anti-Positionen als Gegenentwürfe auf den Plan rief: in den 1960ern die sehr verschärften Robert Frank und William Klein, in der letzten Dekade Nick Waplington als Vertreter des „indecisive moment“, des Unfertigen.

http://www.americansuburbx.com/2010/06/theory-indecisive-moment-frank-klein.html

www.photopedagogy.com/the-indecisive-moment.html
www.theguardian.com/artanddesign/2014/dec/23/henri-cartier-bresson-the-decisive-moment-reissued-photography

Henri Cartier-Bresson, immer wieder gern zitiert für einen markigen Spruch, war in seinem Weltbild, davon wenig beirrt: „Über Fotografie gibt es nichts zu sagen, man muss nur hinsehen!“

Bernd Preiml

Bernd Preiml ist irgendwo in den Bergen von Tirol und Kärnten aufgewachsen
Sein Zuhause,so die Legende, hat er meist nur verlassen um in den örtlichen Videotheken Schund, italienische Giallo-Raritäten, Splatter und Schlitzer-Filme zu leihen. Angeblich soll er sogar die Straßenseite gewechselt haben, wenn eine Seite zu sehr in der Sonne lag. Schnell rüber ins Schattenreich. So wurde aus ihm ein Fürst der Dunkelheit. Und ein Großmeister des Lichts. Das ist jetzt kein Widerspruch. Seine Arbeit zitiert Bilder aus den Randzonen einer Pop-Kultur, zwischen Mystery Drama (Jodsknott) und einem Björk-Cover (Vulnicura), mit höchst erfrischendem Massen-Appeal. 

Für die Serie „Love Made Me“ gestaltete er aus getrockneten Blumen, Speiseresten und Küchenabfällen höchst wundersames Getier. Zierwesen von einer Lieblichkeit eines Giacomo Arcimboldo, aber auch der Grausamkeit eines Francis Bacon. Und Überraschung: Die Bilder wurden ohne Kamera gemacht. Sondern auf einem ausrangiertem Photo-Kopierer, den er auf der Straße gefunden hat. Oder jemand vor seiner Wohnung abgestellt hat.

www.berndpreiml.net/wp/love-made-me_edition-2014/

Unglaublich!

Eines der besten Reportage-Bilder der letzten Jahre. Den „entscheidenden Moment“ voll erwischt. Richtiger Zeitpunkt am richtigen Ort.

www.theguardian.com/world/2014/oct/23/-sp-african-migrants-look-down-on-white-clad-golfers-in-viral-photo

Bedarf keiner weiteren Erklärung. Wäre das Photo für ein Golf-Magazin aufgenommen worden,würden wahrscheinlich die beiden Figuren im Vordergrund schärfer sein. Das Bild wurde von einer Flüchtlingshilfe-Organisation gemacht. Das effektvolle Nachbelichten der Gäste am Zaun war gut gemeint, aber nicht zwingend..

Die Idee macht das Bild

Hunde haben zwar einen warmen Bauch, sind von unten meistens aber langweilig. Geht auch anders: höchst unterhaltsam, weil überraschend.

www.theguardian.com/lifeandstyle/gallery/2017/may/20/dog-photos-andrius-burba

Für die Umsetzung hat der litauische Photograph Andrius Burba ein 3m tiefes Erdloch ausgraben lassen, eine Panzerglasplatte darüber, darauf standen die Tiere,darunter war die Kamera. Wie er jetzt in dieses Erdloch gekommen ist, weiß ich nicht genau. Pferde und Katzen gibt es auch. Die Idee kommt hier allerdings nur halb so gut. Alles eine Model-Frage!

Zu Ostern gab es Wirbel

Auf einem Bild von Palmers lagen etwas verloren 6 fast nackte Mädchen auf einem fast nackten Boden in einem Art Kasernenhof, sollte wohl eine Art Loft andeuten, wo noch Erde durch das Fenster kam.
Das hat entgültig niemand verstanden.
Das Photo sollte dann als das „Osterhöschen“-Sujet in die Werbegeschichte eingehen.
Und zurecht eine Sexismus-Diskussion entfachen, alleine die Idee war mehr als dünn und die Umsetzung in Bild und Wort mehr als unbedarft.
Fazit: das Bild ist nicht einmal sexy.

(c) Palmers

Just zum selben Zeitpunkt gab es in Paris auch einen mittleren Aufstand bis jenseits der Hysterie. Beim französischen Werberat gingen 120 Beschwerden ein, bei einer Gesamtbevölkerung von fast 67 Millionen, über die Frühjahrs-Kampagne von Yves Saint Laurent. Auf einem Plakat liegt ein Mädchen im Pelzmantel, in Unterwäsche, Netztstrümpfen und High Heels mit Rollern untendran auf dem Boden.

www.thefashionlaw.com/home/ysl-comes-under-fire-with-ad-authority-for-degrading-campaign

Ja,und?

Yves Saint Laurent wurde die abwertende Darstellung der Frau als Objekt, die Verherrlichung von Magersucht sowie die Anstiftung zur Vergewaltigung vorgeworfen.
Nein, ist es nicht und tut es nicht.
Wie ich die Bilder drehe und wende,ich kann bei bestem Willen nichts erkennen.

Die Beine sind lang und perfekt und weit weg von Anorexie. Alle gefährlich erogenen Zonen mehr als bedeckt,und die Posen so was von harmlos,daß diese nicht als Einladung zu sexuellen Aktivitäten gemeint sein können.

Auch hier: eigentlich sind die Bilder nicht einmal sehr sexy,aber anders als das Palmers-Sujet, perfekt als Modebilder inszeniert - der menschliche Körper als skulpturelle Interpretation,an die Rollschuhe erinnert sich ein jeder.
Eine perfekte Image-Kampagne.

Um weiteren Unbill aus dem Weg zu gehen, hat Yves Saint Laurent die Sujets vom Markt genommen. Gleichwohl wie eine zweite Kampagne, welches ein Mädchen in Paris an der Seine zeigt, zumeist in einem Badeanzug mit einer Jeansjacke drüber. Die Entrüstung war groß und die Vorwürfe der Werbeaufsicht wie oben.
Zusätzlich störte hier noch die Kleiderordnung: Badeanzug in der Stadt auf der Straße geht gar nicht.

Die Bilder sind harmlos.und tadellos.Beide Kampagnen wunderbar inszeniert von dem famosen Duo Inez van Laamswerde/Vindooh Matadin. Behörden bestimmen jetzt das Styling.Das ist jetzt doch irgenwie neu.

Zum Vergleich eine Aufnahme von Helmut Newton aus 1991

www.paddle8.com/work/helmut-newton/137796-debra-the-smoking-machine

Ein großartiges Bild,würde sich aber heutzutage mit einer breiten Masse-wirksamen Veröffentlichung schwertun, weil es allen Postulaten einer political correctness entsagt. Und das grundsätzlich.
Was würde passieren?
Ein mittlerer Volksaufstand, eine Sondersendung auf Puls 4, mindestens ein Ordnungsruf von Alice Schwarzer?
Eine Antwort fand ich letztlich im i-D.Auf die Frage „Which of our current freedoms would be the most important for you to protect?“ kommt der deutsche Photograph Wolfgang Tillmans zum Schluß: „To be free in my body. Sexuality is the first thing dictators want to control.“

Text von Udo Titz